Berührungsängste
Gestern war ich mit Nelly zur traditionellen Oldtimerausfahrt mit behinderten Kindern und Jugendlichen. Organisiert wird die Aktion von einem Erfurter Oldtimerverein, der seit mehreren Jahren mit Kindern aus dem Kinderheim des Arnstädter Marienstifts im Frühjahr einen Ausflug macht. Round Table 221 Erfurt-Altstadt, dem sowohl meine Person als auch ein Mitglied des Oldtimerclubs angehören, stellt hierzu bereits im vierten Jahr Essen und Getränke für das gemeinsame Picknick.
Die Kinder aus dem Kinderheim sind teilweise mehrfachbehindert, es waren Rollstuhlfahrer dabei, Kinder mit Sprach- und Entwicklungsstörungen und auch geistig behinderte Kinder. Ich muss gestehen, dass ich all die Jahre, die ich jetzt schon dabei bin, Berührungsängste hatte. Sicher kann das der ein oder andere nachvollziehen, schließlich hat man im Alltag nicht oft mit Behinderten zu tun.
Nun war Nelly das erste Mal dabei, und ich war ziemlich gespannt, wie sie sich verhalten wird. Anfänglich hatte sie wegen der vielen fremden Menschen etwas Hemmungen, weshalb ich schon überlegte, früher zurückzufahren, zumal ihr die Langeweile ins Gesicht geschrieben stand, da sie das einzige Kind in ihrem Alter war. Da entdeckte ich im Auto eines unserer Mitstreiter einen Fußball, den ich uns organisierte, auf dass wir auf der Wiese ein bisschen bolzen können. Doch schon nach den ersten Ballwechseln kamen die ersten Jungs angerannt und wollten mitspielen. Und noch bevor ich irgendwas antworten konnte, brüllte Nelly voller Freude "Na klar!" und ehe ich mich versah, befand ich mich inmitten bolzender Jungs, und mittendrin Nelly, der es aber dann doch zu turbulent wurde.
Schnell gesellten sich ein paar Betreuer und natürlich noch mehr Kinder hinzu. Ein Junge namens Max, dem das Treiben auch zu bunt war, kam auf Nelly zu und fragte sie, ob sie mit ihm spielen will. Natürlich wollte sie! Und so spielten die beiden eine ganze Weile miteinander Ball, Frisbee und Softball. Schnell nahte die Abfahrt, und so musste sich Nelly von Max verabschieden. Die Betreuerin, die das ganze beobachtet hatte, kam auf mich zu und fragte im Scherz, ob sie Nelly mitnehmen könne. Sie meinte, dass sie Max noch nie so lange und ausdauernd mit einem anderen Kind hat spielen sehen.
Wieder zu hause erzählte Nelly ihrer Oma, was sie so alles erlebt hatte, so auch von Max. Auf die Frage, wer Max denn sei, meinte sie lakonisch "Na, der Junge mit dem komischen Gesicht." Max hat das Down-Syndrom.